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Die Natur eines Geheeb-Schülers / einer Geheeb-Schülerin


Deutsch:
Von: Mark Schmid, 3. Juli, 2021

Wer einmal unter Indianern gelebt hat, oder wie die Indianer, beispielsweise in einer Lebensgemeinschaft in der man Gemeinschaft lebt und jeder und jede Verantwortung übernimmt, wie reife Menschen das eigentlich tun sollten, der oder die ärgert sich, unter Umständen gewaltig, wenn Menschen, insbesondere erwachsene Menschen sich benehmen wie kleine Kinder. Kinder die unreif, egoistisch, verzogen, verantwortungslos und asozial sind. Kinder die nur an sich denken und nicht an andere oder die Umwelt.

Da Menschen nicht mehr artgerecht leben, in Lebensgemeinschaften wie Indianer, in denen jeder und jede Verantwortung tragen muss, gibt es unglaublich viele solche Menschen. Ja die Mehrheit aller Menschen in unserer industrialisierten westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft ist so.

Paul Geheeb legte sehr grossen Wert darauf, die Kinder (und Jugendlichen) in seinen Schulen (Odenwaldschule und Ecole d'Humanité) nicht zu unterdrücken oder dressieren, sondern sie zu möglichst grosser Verantwortung, sich selber, anderen und der Umwelt gegenüber zu erziehen. Jedes Kind sollte soviel Verantwortung und Mitverantwortung für die Schule, und damit auch für die Gemeinschaft übernehmen wie möglich. Soziales Verhalten, anstatt Egoismus und asoziales Verhalten ist dafür der Grundbaustein. Nicht die erwachsenen sollten autoritär sein, sondern die Kinder sollten selbst Verantwortung übernehmen. So wie eben auch das Leben in einem Indianerstamm beispielsweise ist. Da kann man nicht einfach auf Kosten der anderen Leben, Handeln, Lärm machen, Spass haben, Abfall wegschmeissen, usw. wie das in der modernen Konsum- und Massengesellschaft möglich ist. Sonst rächt sich das verdammt schnell.

Wer also hierher gekommen ist in der Erwartung, dass ihm hier die Lernarbeit bequemer gemacht würde, der wird sich bitter enttäuscht fühlen. Nicht bequemer wollen wir's euch machen - nein schwerer; insofern wir euch höhere Ziele stecken und grössere Ansprüche an eure Einsicht, an eure Initiative, an eure Energie, an euer vernünftiges Wollen stellen. — Paul Geheeb, 14.04.1910, Rede zur Eröffnung der Odenwaldschule

In dieser Gemeinschaft leben wir wie Brüder und Schwestern miteinander, jeder, unbewusst oder bewusst, erfüllt von der Idee höchster menschlicher Entwicklung; diese Gemeinschaft ist durchströmt von gegenseitiger Liebe, von dem leidenschaftlichen Streben, einander zu verstehen und zu helfen. Jedes ihrer Mitglieder, alt und jung, ohne eine untere Altersgrenze, trägt grundsätzlich mit an der schweren Verantwortung für den einzelnen selbst und für das Wohl der Gesamtheit; abgestuft ist der Grad der Verantwortlichkeit nach den Fähigkeiten und der menschlichen Reife jedes einzelnen. — Paul Geheeb, Monnier, 17.04.1934, Rede zur Eröffnung der Ecole d'Humanité

Wer von Paul Geheeb erzogen wurde, oder wie ich in einer Schule war die noch nach seinen Idealen und Prinzipien Menschen erzog, der hat Mühe zu akzeptieren, wie verantwortungslos, egoistisch, unreif, asozial und rücksichtslos die meisten Menschen in der "normalen" Gesellschaft heute sind.

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) übte einen starken Einfluss auf den jungen Paul Geheeb aus. Er sagte bereits 1808 in seinen "Reden an die deutsche Nation" zum Thema dieser Auswirkungen der Industrialisierung und der aufkommenden anonymen Leistungs- und Konsumgesellschaft: Die Welt der Erwachsenen ist von Grund auf verderbt.

Ich dachte lange ich bin damit allein. Allein mit meinen Problemen mit Menschen in der "normalen" Gesellschaft, die ich oft als äusserst asozial, rücksichtslos, verantwortungslos, unreif, egoistisch und kindisch erlebe und mich entsprechend darüber aufrege Ich stellte auch lange Zeit, ja fast mein ganzes bisheriges Leben keinen Zusammenhang mit meiner Erziehung in der Ecole d'Humanité her.

Doch als ich anfing mich mit dem Leben von Paul Geheeb zu befassen, stiess ich auf äusserst interessante Entdeckungen. Zum Beispiel diese hier: Im Buch "Edith Geheeb-Cassierer, Zum 90. Geburtstag" schreibt ein ehemaliger Odenwaldschüler, Erwin Parker, Odenwaldschule (OSO) 1916 - 1923, über die Prägung die er als Kind (auch aufgrund seines langen Aufenthaltes) dort bekommen hatte auf Seite 72-73 die folgende bemerkenswerte Zusammenfassung dieses Phänomens:

Wir betrieben an der OSO in jedem Augenblick Verantwortlichkeit für alles und jedes, ob es um die Ordnung im Zimmer ging, das Lernen im Unterricht, die Gartenarbeit, das Hobeln in der Schreinerei. Ob es sich um das Gelingen der Koedukation handelte [Mädchen und Buben zusammen anstatt getrennt - Anmerkung M.S.], das Herumführen der Gäste, die Ruhe im Speisesaal, das Ausleihen der Bücher aus den Bibliotheken, den Sportbetrieb, das Theaterspielen, um das Festefeiern, die Frühjahrs- oder Herbstwanderungen, es gab nichts, wofür nicht ein Schüler die Verantwortung innehatte. Wer aber selber für ein Amt verantwortlich ist, der achtet auch auf das Amt des anderen. Wer erwartet, dass die aus seiner Bibliothek ausgeliehenen Bücher ordentlich zurückgegeben werden, der respektiert auch die Glocke des Saalordners, der zur Ruhe mahnt, wenn das Geplauder zu laut geworden ist. [...]
Verantwortung grassierte unter uns und wurde zur Staatsreligion erhoben [so wirkte Paul Geheeb, - Anmerkung M.S.]. In der Schule war das erträglich, weil das jeder zu ertragen hatte. - Draussen aber, im späteren Leben [nach der OSO oder der Ecole - Anmerkung M.S.], war man immer wieder den Unverantwortlichen ausgesetzt [und diesen gegenüber auf sich allein gestellt, anstatt in der Gruppe der Gemeinschaft, - Anmerkung M.S.], und für meine Person muss ich gestehen, nichts kann mich so aufbringen, wie der Verantwortungslosigkeit ausgeliefert zu sein [oder einer schlechten Führung, - Anmerkung M.S.], sei es in meinem Berufe, oder als Autofahrer, als Hausnachbar, als Mit- und Nebenmensch. Verantwortungslosigkeit ist für mich identisch mit asozial, und - Odenwaldschüler der ich bin - gegen die kämpfe ich an, wo immer ich sie antreffe.
Man begegnet ihr überall, und ich stürze mich noch heute, als rüstiger 72jähriger mitten ins Kampfgetümmel, trotzdem ich es <<besser>> wissen sollte, denn Wohlwollende mahnen mich immer wieder an die Abreisskalender-Weisheit: <<Der Klügere gibt nach.>> Ich aber meine, die Klügeren sollten nicht nachgeben, sonst bleiben immer wieder die Dummen an der Macht.
Ich weiss es und habe es nur zu sehr erfahren, dass mir mit der Verantwortung eine schwere Last aufgebürdet wurde, und doch sage ich der Odenwaldschule meinen grossen Dank, dass sie mir das auf den Weg mitgegeben hat, obgleich ich es ohne diese Last im Leben leichter gehabt hätte. Doch wollte man es wirklich leichter gehabt haben?
Vielleicht, so denke ich manchmal, hätte man uns ein wenig weniger Verantwortungsbewusstsein als Wegzehrung mitgeben sollen. Doch dann wiederum denke ich, kann es eine halbe, eine dreiviertel Verantwortung geben? Wer nicht bereit ist, die Ganze zu tragen, der gehört nicht zu uns, der ist ein anderer.
— Erwin Parker, Edith Geheeb, Zum 90. Geburtstag, S. 72-73, 1975

Die Essenz, oder das Fazit von alledem ist: Wer einmal in einer echten und guten Gemeinschaft gelebt hat, in der die Menschen Verantwortung übernehmen, für sich, für andere und für die Gemeinschaft, der oder die kann nie mehr zurück. Zurück zur verantwortungslosen, rücksichtslosen, asozialen anonymen Massen-, Konsum- und Leistungsgesellschaft in der gilt: Jeder gegen jeden und jeder für sich selbst. Nicht ohne dabei für immer unglücklich zu sein oder zumindest etwas sehr wichtiges zu vermissen.

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